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Ein Leben zwischen Arbeit, Wandel und Gemeinschaft

Walter Müller: Ein Leben geprägt von frühen gesundheitlichen Hürden, harter Arbeit, beruflichen Brüchen und über 50 Jahren gelebter Gemeinschaft in der Tannenrauch-Siedlung der BGW.

Walter Müller ist 104 Jahre alt. Er wurde am 27. Juli 1922 in Zürich geboren. Seine Kindheit: von Anfang an schwierig. «Ich bin als krankes Kind auf die Welt gekommen», sagt er rückblickend. In den ersten Jahren war er oft krank. Gründe nannte niemand. In der Familie sprach man nicht darüber.

Früh musste er sich durchbeissen. 1938 begann er eine Lehre als Schlosser, in der Schlosserei Lerch in Zürich. Er sollte später die Schlossrei seines Götti in Feldmeilen übernehmen. Der Götti verstarb aber bereits 1938 und dessen Söhne verwehrten Walter die Übernahme. Doch Walter beendete die Lehre – so wollte es der Vater. Er erinnert diese Jahre als hart: Unsicherheit, Kriegszeit. Arbeit gab es, aber oft nur auf Zeit. Wegen des Militärdienstes wechselten viele die Arbeitsstellen. Erst 1943 fand er eine feste Anstellung in einer Reparaturabteilung der Firma Color-Metal.

1945 wechselte er zu den Verkehrsbetrieben Zürich. Zunächst arbeitete er als Kondukteur, später im Büro mit Aufgaben in der Personaleinteilung und Dienstplanung. Die Belastung erhöte sich im Laufe der Zeit und die Arbeit setzte ihm stark zu. Nach einem Nervenzusammenbruch musste er sich neu orientieren. Er suchte selbst aktiv eine neue Stelle und bewarb sich beim Sozialamt, wo er eine passende Aufgabe fand. Diese Stelle gab ihm wieder Stabilität und bestand bis zur vorzeitigen Pensionierung mit 63 Jahren aus gesundheitlichen Gründen.

Ein neuer Lebensabschnitt begann – und mit ihm eine lange Geschichte in der Genossenschaft. 1973 zog Walter Müller in die Tannenrauch-Siedlung der BGW. Den Wunsch nach dieser Wohnung hatte er schon früher. Zunächst blieb er unerfüllt. Erst später ergaben sich die Umstände, die den Einzug möglich machten.

Der erste Eindruck hat sich eingebrannt: Dankbarkeit. Eine Wohnung in der Genossenschaft bedeutete für ihn vor allem eines – Sicherheit. In Zeiten steigender Mieten und unsicheren Wohnraums war das ein grosser Gewinn. Hier fühlte er sich angekommen.

Seither lebt er in dieser Wohnung, seit über fünf Jahrzehnten. Die Genossenschaft ist für ihn mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie ist sozialer Ort, ein Stück Alltag und Gemeinschaft. Er erinnert sich an gemeinsame Ausflüge, organisiert von der Koloniekommission (Anm. d. Red.: damalige Siedlungskommission), an Fahrten mit dem Car, an Erlebnisse die Menschen verbanden.  Auch die Treffen im Kolonielokal sind ihm in guter Erinnerung geblieben: gemeinsames Jassen, Gespräche und ein lebendiges Miteinander, oft in grosser Runde. Heute finden diese Begegnungen im Siedlungsraum statt, die Idee des Zusammenseins ist geblieben.

Trotz seines hohen Alters ist er sehr offen, positiv und ausgesprochen aktiv geblieben. Er gab schon zwei Radiointerviews für Radio 1 und Radio SRF2 Kultur und steht z.B. auch für die Ausstellung «Swiss 100» zur Verfügung.

Gemeinschaft entsteht, sagt er, wo man regelmässig Zeit teilt. Die Altersdurchmischung in der Siedlung beobachtet er genau. Früher war vieles homogener. Heute prallen Generationen stärker aufeinander, was das Zusammenleben verändert.

Wenn er über die Zukunft der Baugenossenschaft Waidberg spricht, wird er klar. Wichtig ist Stabilität: ein verlässlicher Vorstand, sorgfältiger Umgang mit dem Geld, keine unnötigen Risiken. Sein Kernsatz: Beständigkeit statt Experimente.

So blickt Walter Müller auf ein langes Leben zurück – geprägt von Krankheiten, welche ihn immer wieder einholten, harter Arbeit, beruflichen Brüchen und einem langen Zuhause in der Genossenschaft. Seit über 50 Jahren wohnt er in der Tannenrauch-Siedlung. Er gehört zu den ältesten Mitgliedern der BGW.