Wenn Gemeinschaft Wurzeln schlägt
Der Blick schweift vom Balkon über den Garten bis zur Krone der alten Linde. Die Ruhe dieses Ortes passt zu Ursina Vogt. Seit 27 Jahren ist die Siedlung Geibel ihr Zuhause. Was einst als Zwischenlösung gedacht war, ist längst zu einem Ort geworden, an dem sie Gemeinschaft lebt und mitgestaltet.
Aus einer Zwischenlösung wurde ein Zuhause
Eigentlich war die Wohnung nur als Übergang gedacht. Gemeinsam mit anderen plante Ursina Vogt damals ein integratives Wohnprojekt in Horgen. Das Vorhaben wurde nie Realität, dafür wurde aus der Zwischenlösung ein Zuhause.
Nach dem Auszug ihrer Töchter wechselte Ursina Vogt in eine kleinere Wohnung mit Balkon. Von hier aus blickt sie auf den Innenhof und die alte Linde, die die Siedlung seit Jahrzehnten prägt.
«Ich fühle mich hier verwurzelt und wirklich sehr dihei.»
Gemeinschaft ist mehr als günstiger Wohnraum
Nach ihrer Pensionierung vor sieben Jahren begann für Ursina Vogt ein neuer Lebensabschnitt. Zuvor war sie viele Jahre als Sozialpädagogin tätig, unter anderem in Leitungsfunktionen.
«Ich habe einen genossenschaftlichen Gedanken. Mir ist es wichtig, nicht nur günstig zu wohnen, sondern mich auch zu engagieren.»
Menschen verbinden
Seit ihrer Pensionierung engagiert sich Ursina Vogt in der Siedlung Geibel. Dabei fliessen viele Erfahrungen aus ihrem Berufsleben ganz selbstverständlich mit ein.
Menschen zusammenzubringen gehörte schon immer zu ihrem Beruf und heute ebenso zu ihrem Alltag. Sie initiierte die Gartengruppe, verwaltet den Siedlungsraum, begrüsst neue Genossenschafterinnen und Genossenschafter und besucht Bewohner*innen über 70 an runden Geburtstagen oder Wohnjubiläen.
Kreativität, die verbindet
Stoffe, Nadel und Faden gehören für Ursina fast so selbstverständlich zum Alltag wie die Begegnungen mit ihren Nachbar*innen. Sie näht, gestaltet Karten und entwickelt kreative Projekte – immer mit dem Wunsch, etwas Sinnvolles entstehen zu lassen. Daneben leitet sie noch kreative Workshops in einer Demenz-Wohngruppe und begleitet einen Mann mit einer leichten Beeinträchtigung. Sie geniesst die Zeit, pflegt ihren Freundeskreis, besucht kulturelle Anlässe und verbringt Zeit mit ihren beiden Enkelkindern.
Für das 100-Jahr-Jubiläum der BGW organisierte sie einen zweitägigen Nähanlass in ihrer Wohnung. Gemeinsam entstanden die ersten Jubiläumsfahnen. Den Grossteil der rund 85 Fahnen nähte sie danach mit einer Freundin. Heute schmücken sie die Balkone der Siedlung.
Ihren 70. Geburtstag feierte sie auf ihre ganz eigene Art. Statt eines grossen Festes lud sie die Nachbarschaft und ihren Freundeskreis an drei Abenden zum «Open House» ein. Die Einladung hing im Treppenhaus – alle waren willkommen. Am Ende waren es genau 70 Gäste. «Es war magisch.»
Vom Nebeneinander zum Miteinander
Wenn Ursina an ihre ersten Jahre in der Siedlung zurückdenkt, muss sie schmunzeln. Damals war vieles stärker reglementiert. Die Mittagsruhe wurde genau eingehalten und Kinder durften nur zu bestimmten Zeiten im Garten spielen.
Heute erlebt sie die Siedlung offener und lebendiger.
Für Ursina bedeutet Genossenschaft:
Miteinander etwas bewegen.
Miteinander etwas machen.
Miteinander leben.
Miteinander unterwegs sein.
Einen Samen setzen
Für die Zukunft der BGW wünscht sich Ursina noch mehr Mitbestimmung und Raum für unterschiedliche Sichtweisen. Für sich selbst wünscht sie sich vor allem Gesundheit – «und wach, offen und mit sich selbst verbunden zu bleiben.»
Ihr Lebensmotto beschreibt sie mit einem einfachen Bild:
«Einen Samen setzen und dann daraus ernten.»
Nach 27 Jahren in der Siedlung Geibel ist für Ursina Vogt vieles daraus gewachsen.
«Ich fühle mich hier verwurzelt und wirklich sehr dihei.»